Die Zeit − Politik :
"Nasrallah verliert"
Hisbollahs
Niederlage ist gewiss, aber keine Garantie für Israels Sieg, meint der
amerikanische Islamexperte Fouad Ajami
DIE ZEIT: Wer gewinnt diesen Krieg?
Fouad Ajami: Fragen wir lieber, wer ihn nicht gewinnen
kann. Hisbollah hat ihn eigentlich schon verloren.
ZEIT: Oh, ja?
Ajami: Nasrallah wollte den Nasser spielen, wie der
ägyptische Präsident vor dem Sechstagekrieg 1967. Nasser wollte den Krieg gegen
Israel gewinnen, ohne ihn tatsächlich führen zu müssen. Das war ein
schrecklicher Fehler, und Nasrallah gibt zu, dass er diese wütende Reaktion der
Israelis nicht erwartet hätte.
ZEIT: Andere Verlierer?
Ajami: Ich weiß nicht, ob Israel diese Partie gewinnen
wird. Andererseits: Angesichts der massiven Aufrüstung von Hisbollah seit dem
israelischen Abzug 2000 musste Israel irgendwann zuschlagen, bevor sie zu stark
wurde.

ZEIT: Israel gewinnt auch nicht?
Ajami: Sagen wir -s so: Wenn Israel wieder eine
Sicherheitszone im Südlibanon besetzt, wäre das die Rettung für Hisbollah, weil
ihr so wieder der Mythos des nationalen Widerstands zufiele. Dann riskieren die
Israelis einen mörderischen Guerillakrieg wie 1982 bis 2000.
ZEIT: Wie sähe »Gewinnen« für Israel aus?
Ajami: Wenn seine Armee in den nächsten zwei, drei Wochen
den größten Teil des Hisbollah−Arsenals zerstört.
ZEIT: Dann hätte Hisbollah fehlkalkuliert.
Ajami: Nasrallah hatte sich sträflich geirrt, als er
wähnte, in Israel sei die Zeit der »Kriegerklasse« vorbei. Weil Peretz
(Außenminister) und Olmert (Premier) Zivilisten sind, sei Israel einfacher
einzuschüchtern. Haben die auch falsch kalkuliert? Wenn man unterstellt, dass
dieser Krieg gegen Hisbollah unvermeidbar war, dann je früher, desto besser.
ZEIT: Ein schneller Sieg ist das nicht.
Ajami: Die Israelis haben einen solchen nicht erwartet.
Hisbollah - gut vorbereitet und in Siedlungsgebieten verbunkert - ist nicht die
PLO, die sich 1982 recht einfach aus Beirut vertreiben ließ.
ZEIT: Die öffentliche Meinung hat sich schon mal gegen Israel eingeschossen.
Ajami: Das ist nicht ganz richtig. Der Rest der Welt hat
Israel ziemlich viel Raum gelassen - angefangen mit den Arabern von Kairo bis
Riad. Das war insgeheim ein »grünes Licht«. Aber dieser Vorschuss schmilzt dahin
angesichts der Bilder aus Süd−Beirut und Kana. Außerdem hat es Hisbollah
geschafft, mit ihren Raketen ein Loch in die israelische Sicherheitsdoktrin zu
schlagen, die besagt: »Kein Krieg auf eigenem Boden!« Hier hat zum ersten Mal
eine arabische Truppe den Krieg ins Heimatland getragen.
ZEIT: Zum ersten Mal seit 1948/49, als arabische Armeen auf Tel Aviv vorstießen.
Ajami: Richtig. Daraus folgt, dass sich erstmalig eine
echte Bedrohung an Israels Nordgrenze aufgebaut hatte, und das erzeugt zumindest
etwas Verständnis für die israelische Entscheidung, in die Offensive zu gehen.
ZEIT: Die syrischen Absichten?
Ajami: Die Syrer grämt der überhastete Abzug aus dem
Libanon 2005. Die glaubten tatsächlich: »The Americans are coming«, wie mir ein
Vertrauter von Baschar al−Assad damals sagte. Jetzt, da die USA im Irak
feststecken, sehen die Syrer eine Chance, ihre Oberherrschaft im Libanon
wiederherzustellen.
ZEIT: Sie erhöhen ihr Störpotenzial, um wieder in den Libanon »eingeladen« zu
werden?
Ajami: Das ist die Hoffnung. Aber das wird ihnen nicht
gelingen.
ZEIT: Kann denn ein Triumph von Hisbollah überhaupt syrisches Interesse sein?
Ajami: Auf jeden Fall - weil die Syrer glauben, auch mit
Hisbollah fertig zu werden.
ZEIT: Alle Welt glaubt, einen Keil zwischen Syrien und Iran treiben zu können.
Ajami: Das wird nicht gelingen. Der Zaun ist Syriens
beliebtester Aufenthaltsort - zwischen Kairo und Riad hier und Teheran dort. Das
ist das heilige Vermächtnis des älteren al−Assad an seinen Sohn Baschar: nie
eindeutig Partei ergreifen. Reite mit den Radikalen, aber nicht an der Spitze.
ZEIT: Kein Deal mit Damaskus?
Ajami: Womit soll denn der Westen Baschar in Versuchung
bringen? Das alawitische Minderheitenregime kann nur bestehen, wenn es keine
klare Entscheidung trifft.
ZEIT: Was wollen die Iraner? Haben die auch fehlkalkuliert?
Ajami: Meine Quellen in Beirut und im Bekaa sind überzeugt
davon, dass Teheran das Timing diktierte, indem es die Wechsel präsentierte, die
mit der Ausrüstung und Ausbildung von Hisbollah aufgelaufen sind. Doch zahlen
die Iraner ebenfalls einen Preis, nachdem sie die Libanesen ins Feuer geschickt
haben. Die Schiiten werden erkennen, dass sie die Bauernopfer sind. Eine solche
Partie kann man nur einmal aufziehen.
ZEIT: Und die brüderlichen Bande mit den Schiiten in Iran?

Ajami: Die gibt es nicht.
ZEIT: Keine Shia Connection?
Ajami: Doch, der gemeinsame Glauben. Aber Iran ist weit
weg, und seine Interessen sind viel weitläufiger als die der Libanesen. Was
kümmert die Iraner, die vom Öl leben, die wirtschaftlich so wichtige
Touristensaison im Libanon? Der Preis ist zu hoch für den Libanon. Die Schia
steht vor einer fürchterlichen Wahl: entweder »Libanismus« - Staatstreue - oder
»Iranismus«. Israel hat den Libanesen signalisiert, dass sie keinen »kleinen
Krieg« haben können, wenn Israels territoriale Unversehrtheit von ihrem Boden
aus durchlöchert wird. Für Iran sterben? So schnell nicht mehr.
ZEIT: Also Verlierer ringsum? Und wenn die Israelis das Arsenal von Hisbollah
knacken?
Ajami: Die Israelis haben nicht nur ein Problem mit
Hisbollah. Die Iraner haben sich nun eine Grenze zu Israel erkauft.

ZEIT: Was heißt das?
Ajami: Iran ist nun ein Nachbar Israels.
ZEIT: Der erste israelisch−iranische Krieg?
Ajami: So ist es - per Stellvertreter.
ZEIT: Und das bedeutet?
Ajami: Eine Art Einladung zu einem strategischen Dialog.
Noch einmal: Iran hat sich mit seiner Hilfe für Hisbollah buchstäblich eine
Grenze zu Israel erkauft. Die Frage ist nur: Was wollen sie damit machen? Ich
weiß es nicht, aber das ist ein fürchterliches und zynisches Regime.
ZEIT: Iran wird künftig auf den Trümmern des Libanons gegen Israel kämpfen?
Ajami: Das passiert ja schon. Doch haben die Libanesen
dieses Spiel durchschaut.
ZEIT: Also werden sie den Griff lockern?
Ajami: Das wissen wir noch nicht. Es gibt aber einen
zweiten Kriegsschauplatz, auf dem um die Loyalität der libanesischen Schia
gekämpft wird. Die wird sich entscheiden müssen, ob sie den Fehler der Sunniten
vor dreißig Jahren wiederholt, als die ihr Heil im Pan−Arabismus suchten. Die
Araber haben keinen Finger gerührt, um den Libanon vor der PLO, dann vor den
Israelis zu retten, die 1982 einmarschierten, um Arafats »Staat im Staat« zu
zerschlagen. Setzt die Schia auf »Iranismus«, könnte das ihr Verderben sein.
Daraus folgt umgekehrt: Die Sunni−Staaten, die sich gegen Hisbollah stellen,
müssen der libanesischen Schia auch Positives bieten. Die sollten die Schia im
eigenen Interesse nicht als Stiefkind behandeln.
ZEIT: Die Schiiten werden von den Sunni−Regimen im Bombenregen stehen
gelassen. Die Iraner eilen ihnen auch nicht zu Hilfe. Sind die Schiiten die
Verlierer?
Ajami: Nasrallah hat in ihrem Namen sehr viel aufs Spiel
gesetzt und verloren. Meine Gesprächspartner im Bekaa sagen mir, dass der Mann
sehr ernüchtert wirke. Der Tag der Abrechnung ist nicht weit. Im Westen glauben
wir, die Schiiten seien bloß ein armer, abgerissener Haufen. Tatsächlich hat
sich da viel Reichtum angesammelt, und diese Leute sind nicht beglückt von der
Vernichtung ihres Eigentums. Die Rechnung wird Nasrallah von den eigenen Leuten
präsentiert werden.
ZEIT: Das widerspricht der Lesart, wonach der Krieg alle Libanesen
zusammenschweiße.
Ajami: Natürlich werden die Libanesen nicht in Liebe zu
Israel entbrennen. Trotzdem steht die Abrechnung noch aus, zumal Nasrallah im
Auftrag der Iraner gehandelt hat.
ZEIT: Kann eine Friedenstruppe helfen?
Ajami: Vergessen wir nicht Srebrenica und die schändliche
Rolle der UN. Der andere Weg läuft über Damaskus nach Teheran - also
Zugeständnisse an die Leute, die den Krieg ausgelöst haben. Das wird kaum
funktionieren. Also Stückwerk - die Forderung, die libanesische Armee an die
Grenze vorzuschieben oder dort eine internationale Truppe mit dreißigtausend
Mann zu stationieren. Was auch immer: Niemand wird all seine Kriegsziele
verwirklichen.
Noch eine historische Betrachtung, die bis zu Thukydides zurückreicht: Sieht man
als eigentliche Kriegsursache den unaufhörlichen Machtgewinn eines unbeugsamen
Gegners, könnte die Geschichte dereinst ein gnädiges Urteil über Olmert und
Peretz fällen. In diesem Sinne: Sie haben ein wachsendes Militärpotenzial an
ihrer Nordgrenze dezimiert, bevor Hisbollah und Iran stark genug waren, um den
Zeitpunkt des nächsten Krieges zu diktieren.
Das Gespräch führte Josef Joffe
DIE ZEIT, 03.08.2006
32/2006
Newsletter – 5 September 2006
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