Der israelische Schriftsteller David
Grossman, geboren 1954 in Jerusalem, zählt zu den bekanntesten Autoren
seines Landes. Zuletzt veröffentlichte er auf deutsch 2004 den Novellenband „Das
Gedächtnis der Haut“.
Der schwere Überraschungsangriff der Hisbollah auf Galiläa,
den Norden Israels, beweist - falls es noch irgendwelcher Beweise bedurfte -,
wie wenig es braucht, um die ganze Region an den Rand eines Krieges zu bringen.
Israel hat eine Gegenoffensive gestartet, und das mit vollem Recht. Es gibt
keine Rechtfertigung für den Angriff, den die Hisbollah letzte Woche - von
libanesischem Gebiet - auf Dutzende friedlicher israelischer Ortschaften
unternahm. Kein Staat der Welt kann seine Bürger schweigend preisgeben, wenn das
Nachbarland - ohne jede Provokation - einen solchen Überfall ausführt.
Vor sechs Jahren hat sich Israel aus allen libanesischen Gebieten, die es 1982
erobert hatte, an die anerkannte Staatsgrenze zurückgezogen. Die Vereinten
Nationen hatten dem Abzug damals ihren Segen erteilt und bestätigt, daß die
israelische Besatzung des Libanons beendet und die Grenzfrage zwischen den
beiden Staaten geregelt war. Gleich danach begann die Hisbollah-Miliz, gegen den
UN-Beschluß zu verstoßen. Sie nahm Stützpunkte entlang der Grenze ein, erklärte
den Grenzverlauf an einem Punkt (Schab'a Farm) für ungültig und baute ihre
Militärmacht mit syrischer und iranischer Hilfe aus.
Israel kann nicht anders reagieren
Jahrelang vermied die libanesische Regierung eine direkte Konfrontation mit
der Hisbollah, die sich im Südlibanon ein System befestigter Stellungen und
riesige Waffenlager einrichtete, bestückt unter anderem mit Tausenden von
Raketen, die weite Teile Israels bedrohen. Israel, das die Grenze nicht
„aufheizen“ wollte, setzte die Hisbollah ebenfalls nicht wirklich unter Druck.
So entstand die unerträgliche Situation, daß auf dem Gebiet des souveränen
Staates Libanon, der Israel gegenüber keinerlei Ansprüche hat, eine Organisation
frei agiert, die von den Vereinten Nationen zur Terrororganisation erklärt wurde
und Israel immer wieder angreift.
Israel geht heute gegen den Libanon vor, weil der Libanon offiziell für die
Hisbollah verantwortlich ist und weil von seinem Gebiet Raketen und Katjuschas
auf israelische Städte abgeschossen werden. Hisbollah-Anhänger sitzen in der
libanesischen Regierung und sind an politischen Entscheidungen beteiligt.
Während ich diese Zeilen schreibe, stehen Millionen unschuldiger Zivilisten,
Israelis und Libanesen, unter heftigem Beschuß.
In Beirut und in Haifa, im libanesischen Bika wie im israelischen Galiläa sind
Kinder und Erwachsene schweren Kriegsbedrohungen ausgesetzt. Israel und Libanon
müssen alles tun, damit keine weiteren unschuldigen Menschen zu Schaden kommen.
Aber auch wer für die sofortige Einstellung der Gewalttaten und die Aufnahme von
Verhandlungen eintritt, muß wissen, daß die Leute der Hisbollah auf perfideste
Weise und in voller Absicht eine Lage geschaffen haben, in der Israel nichts
anderes übrigblieb, als den scharfen Angriff auf sein Staatsgebiet zu erwidern.
Schwierige Doppelspiele
Der jetzige Gewaltausbruch zeigt eine ausgesprochen problematische
Ähnlichkeit in den Haltungen der libanesischen Regierung und der
palästinensischen Autonomiebehörde gegenüber Israel. Beide haben gewissermaßen
zwei Köpfe, die sich widersprüchlich verhalten: Der eine agiert „staatlich“, daß
heißt auf politischen Wegen und vergleichsweise gemäßigt, der andere erklärt
sich für frei, völlig nach Belieben zu handeln: Er setzt Terror gegen Zivilisten
ein, bedient sich rassistischer Rhetorik und fordert offen die Vernichtung
Israels.
Dieses Doppelspiel ist einer der Gründe, die ein dauerhaftes Abkommen zwischen
Israel und diesen Nachbarn so sehr erschweren. Es ist auch der Hauptgrund dafür,
daß die große Mehrheit in Israel - darunter viele Friedensaktivisten - in den
letzten Jahren jedes Vertrauen in die Absichten der gemäßigteren Kräfte in den
arabischen Ländern verloren hat. Eine weitere Schwierigkeit liegt darin, daß ein
ähnliches Doppelspiel - wenn auch weniger extrem und ohne das Bestreben, den
Gegner auszulöschen - auch im Verhalten Israels gegenüber den Palästinensern
existiert.
Die Zukunftsszenarien verkünden nichts Gutes. Bekanntlich geht es Israel nicht
nur darum, den Hisbollah-Angriff zu erwidern. Israel möchte auch den Zustand an
der Grenze zum Libanon gemäß der UN-Resolution 1599 umgestalten und die
libanesische Regierung dazu nötigen, die Hisbollah aus dieser Region
fernzuhalten. Dieses Ziel hat seine Logik und Berechtigung, aber die aggressive
Art, mit der die Operation derzeit geführt wird, birgt auch Gefahren in sich.
Die libanesische Regierung ist schwach, und der Libanon könnte wieder dem
totalen Zusammenbruch und einem Bürgerkrieg entgegengehen.
Hisbollah: verlängerter Arm des Iran
In den letzten Jahrzehnten hat Israel sich immer wieder in Militäraktionen
im Libanon verstrickt, ohne seine Ziele dort je zu erreichen. Bekanntlich sind
auch frühere Versuche Israels, die arabische Wirklichkeit zu „gestalten“, stets
gescheitert. Ein weiteres erklärtes Ziel israelischer Generäle und Politiker -
Macht und Einfluß der Hisbollah zu brechen - ist von vornherein aussichtslos und
erinnert an die Kurzsichtigkeit israelischer Staatsführer, die 1982 behaupteten,
die PLO vernichtet zu haben. Auch wenn die militärischen Kräfteverhältnisse
heute eindeutig zugunsten Israels stehen, hat die Hisbollah doch einen sehr
breiten Rückhalt in Iran, Syrien und der arabischen Welt, und wer an die
Möglichkeit eines israelischen K.-o.-Siegs glaubt, macht sich Illusionen.
Aber es gibt auch einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Verhalten der
Palästinenser und dem der Libanesen gegenüber Israel. Die Hisbollah ist - ganz
offen - ein verlängerter Arm des Iran im Nahen Osten, der Brückenkopf eines
Staates mit erklärten mörderischen Absichten gegenüber Israel. Zweifellos fühlt
sich die Hisbollah der palästinensischen Sache verpflichtet, aber ihr Ziel ist
nicht ein gerechtes Friedensabkommen zwischen Israel und Palästina. Aus ihren
Grundsätzen und Verhaltensweisen geht klar hervor, daß auch dann, wenn Israel
und die Palästinenser künftig irgendeinen Vertrag abschließen sollten, die
Hisbollah die darin enthaltenen Kompromisse ablehnen, weiter gegen Israel
agieren und jede Stabilität untergraben würde.
Erfolgreiche Verdrängung
Die Beziehungen zwischen Israel und den Palästinensern sehen völlig anders aus.
Die beiden Völker müssen zu einem Friedensabkommen gelangen, wenn sie auch
künftig hier existieren wollen. Sie haben beide das eindeutige Interesse, einen
Kompromiß zu erreichen, und werden zu diesem Zweck sogar grundlegende
Forderungen aufgeben. Und beiden ist klar, daß der Konflikt sich letzten Endes
nicht mit Gewalt lösen lassen wird. Der Angriff der Hisbollah hat jedoch dazu
geführt, daß sich bei den meisten Israelis die beiden Fronten zu einem einzigen
totalen Gefühl der Existenzbedrohung verdichten. Dieses Gefühl entspricht zwar
nicht den militärischen Kräfteverhältnissen, kann aber zu einem
unverhältnismäßigen Schlag gegen den Libanon führen und darüber hinaus die
Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts für lange Zeit vertagen.
In Israel wie im florierenden, westlich orientierten Beirut wollten viele
glauben, sie gehörten nicht mehr richtig zum Nahost-Konflikt. Resigniert über
seinen mörderischen, fundamentalistischen und hoffnungslosen Charakter, schufen
sie sich ihre kleine Welt der Bequemlichkeit, des Luxus und des Eskapismus. In
Israel brachten es viele sogar fertig, die gegenwärtige blutige Konfrontation
mit den Palästinensern im Gazastreifen bestens zu verdrängen - die
Kassam-Raketen, die Palästinenser auf den Süden Israels abschießen, und das Leid
der Palästinenser unter der israelischen Gegenoffensive. Die neuesten Ereignisse
rütteln jetzt alle auf, tragen das Feuer vor die eigene Haustür, erinnern wieder
an die Stoffe, aus denen das Leben hier gemacht ist. Um diese Stoffe in stabile
Friedensbeziehungen zu verwandeln, ist heutzutage wohl nicht nur diplomatische
Kunst, sondern auch alchemistisches Wissen vonnöten.
Text: F.A.Z., 17.07.2006