Freiheit
und soziale Gerechtigkeit bedingen sich gegenseitig!
Dr. Dierk Hirschel

Dr. Dierk Hirschel ist der Chefökonom des Deutschen
Gewerkschaftsbundes (DGB) und ein entschiedener Keynesianer. Er ist der
deutschen Öffentlichkeit durch seine zahlreichen Kommentare in großen deutschen
Zeitungen wie Financial Times Deutschland, Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ)
und tageszeitung (taz) bekannt. Hier vertritt Herr Dr. Hirschel seine
persönliche Meinung und nicht die offizielle Position des DGB. Für die Redaktion
führte Mehrdad Payandeh das Interview.
Herr Dr. Hirschel, die Bewegung um Referendumsbewegung ist eine junge
Bewegung in der Geschichte der iranischen Opposition und tritt für ein
Referendum im Iran ein, das auf Grundlage der Menschenrechtscharta der Vereinten
Nationen stattfinden soll. Die Mitglieder dieser Bewegung sind der Ansicht, dass
regierungsunabhängige Organisationen (NGOs) für die Demokratisierung des Irans
unerlässlich sind.
Nachdem das islamische Regime im Februar 2006 die streikenden Teheraner
Busfahrer, die für Legalisierung der eigenen Gewerkschaft und Lohnerhöhungen
streikten, massiv verhaftet hat, stellt sich die Frage, wie wichtig die
Gewerkschaften für das Funktionieren einer entwickelten Demokratie sind. Bitte
schildern Sie uns als Chefvolkswirt des DGB die ökonomische, politische und
gesellschaftliche Funktion der Verbände insbesondere der Gewerkschaften?
Dr. Hirschel: Gewerkschaften haben in erster Linie
die Aufgabe die Konkurrenz unter den Arbeitnehmern auszuschalten. Dadurch
verbessern sie die Verhandlungsposition der abhängig Beschäftigten. Nach dem
Zweiten Weltkrieg ist es den westeuropäischen Gewerkschaften gelungen die
Arbeitnehmer angemessen am steigenden gesellschaftlichen Wohlstand zu
beteiligen. Die Reallöhne stiegen und die Arbeitszeiten wurden verkürzt. Die
zentralen Lebensrisiken (Invalidität, Krankheit, Alter, Arbeitslosigkeit)
konnten durch den Ausbau des Sozialstaates abgesichert werden. Die Arbeitnehmer
wurden durch Betriebs-, Personal- und Aufsichtsräte an den unternehmerischen
Entscheidungen beteiligt. Dadurch konnte die Wirtschaft stärker demokratisiert
werden. Dieser soziale Fortschritt wurde den Gewerkschaften nicht geschenkt. Er
war das Ergebnis von Konsens und Konflikt unter den besonderen
gesellschaftlichen Bedingungen nach dem Ende des Faschismus. In den 80er Jahren
wendete sich das Blatt. Mit dem Anstieg der Massenarbeitslosigkeit, der
Globalisierung, dem Zusammenbruch des Ostblocks und der Transformation der
Europäischen Sozialdemokratie sind die Gewerkschaften in die Defensive geraten.
Heute verteidigen sie die demokratischen und sozialen Errungenschaften der
letzten Jahrzehnte.
Meine zweite Frage zielt auf den Prozess der Globalisierung ab. Wie wichtig
ist die Internationalisierung der Gewerkschaften für eine soziale Ausgewogenheit
der globalisierten Märkte? Wir kennen Beispiele wie den Weltbetriebsrat bei VW.
Wie arbeiten die Arbeiternehmervertreter aus verschiedenen Ländern und
Kulturkreisen zusammen?
Dr. Hirschel: Die Globalisierung ist eine zentrale
Herausforderung für die internationale Gewerkschaftsbewegung. Der Aufbau
internationaler Produktionsnetzwerke schwächt die nationalen Gewerkschaften in
ihrer Verhandlungsposition. Wir haben es heute in vielen Branchen –
Automobilproduktion, Chemieindustrie - mit einer neuen Dimension des
unternehmensinternen Standortwettbewerbs zu tun. Die Global Players lassen ihre
Standorte, auf den Rücken der Beschäftigten, um Produktions- und
Investitionszusagen konkurrieren. Der kapitalmarktorientierte Umbau der
Unternehmen – Shareholder-Value-Orientierung – verschärft das Tempo dieser
Entwicklung, da die Renditeziele erhöht werden. Folglich werden die Löhne
gekürzt und die Arbeitszeiten verlängert. Darauf kann die internationale
Gewerkschaftsbewegung nur reagieren, indem sie die grenzüberschreitende
Konkurrenz der Arbeitnehmer ausschaltet. Deswegen internationalisieren die
Gewerkschaften ihre Tarif- und Mitbestimmungspolitik. Die Betriebsratsarbeit
wird stärker - entlang von Liefer- und Wertschöpfungsketten - international
koordiniert. Innerhalb der EU25 gibt es einen institutionalisierten Dialog der
nationalen Gewerkschaften über Tarifpolitik. Dadurch soll
Lohnunterbietungskonkurrenz verhindert werden. Die Ergebnisse sind noch nicht
berauschend. Kulturelle Barrieren und nationale Egoismen erschweren die Arbeit.
Es gibt aber keine Alternative. Der Wohlstand der Industrieländer und vieler
Schwellenländer hat sich durch die fortschreitende internationale Arbeitsteilung
erhöht. Ohne gewerkschaftliche Gegenmacht können die „Globalisierungsgewinne“
nicht sozial gerecht verteilt werden.
Die Geschichte der islamischen Republik ist gekennzeichnet durch eine massive
Verfolgung der Arbeiterbewegung und deren Zwangsislamisierung mittels der
Gründung von „islamischen Betriebsräten“ und Gewerkschaften. Diese
Zwangsislamisierung umfasst nicht nur die iranische Arbeiterbewegungen, sondern
auch jegliche Verbände wie Schüler- und Studentenorganisationen oder die
Arbeitgeber- und Bauernverbände etc. Kennt die deutsche Geschichte solche
Unterdrückungsmechanismen? Wie können solche Entwicklungen langfristig
verhindert oder zumindest weitgehend minimiert werden?
Dr. Hirschel: In der deutschen Geschichte wurde die
Arbeiterbewegung mehrmals unterdrückt. Während der Kaiserzeit erließ der
Reichkanzler Bismarck die so genannten Sozialistengesetze. Die Deutsche
Sozialdemokratie wurde verboten. Nach der Machtergreifung der
Nationalsozialisten landeten Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschaftler
in den Konzentrationslagern. Ihre Organisationen wurden aufgelöst. Keine
Verfassung kann garantieren, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Die
bürgerlichen Freiheitsrechte (Presse-, Meinungs-, Koalitionsfreiheit, etc.) und
der bürgerliche Rechtsstaat sind jedoch ein wichtiges Instrument gegen
Unterdrückungsmechanismen. Demokratisch organisierte Parteien und Verbände
erfüllen eine Demokratie aber erst mit Leben. Voraussetzung für ein breites
politisches Engagement in Parteien und Verbänden ist jedoch die Absicherung der
Lebensrisiken des Einzelnen. Rechts- und Sozialstaat bedingen somit einander.
In der iranischen Opposition herrscht eine Trennlinie zwischen den Vertretern
der „Freiheit“ und den Vertretern der „sozialen Gerechtigkeit“. Die erste Gruppe
plädiert für eine weitgehend deregulierte freie Marktwirtschaft. Die zweite
Gruppe, die überwiegend aus den ehemaligen Kommunisten stammt, plädiert für
soziale Gerechtigkeit mit antikapitalistischen Argumenten und ist zum Teil
bereit, „Demokratiedefizite“ der islamischen Republik in Kauf zu nehmen. Auch
Ahmadinedschad machte „soziale Gerechtigkeit“ zum Thema seines Wahlkampfes.
Können Sie uns als linker und kritischer Volkswirt ökonomische und soziale
Funktion beider Kategorien für die Funktionalität einer entwickelten und
modernen Demokratie schildern?
Dr. Hirschel: Freiheit und soziale Gerechtigkeit
bedingen sich gegenseitig. Auf das Feld der Ökonomie übersetzt, bedeutet dies,
dass funktionierende Märkte Regeln brauchen. Der Konkurrenzmechanismus der
Marktwirtschaft hat in den letzten zwei Jahrhunderten eine historisch
einzigartige ökonomische Dynamik entfaltet. Die sozialstaatliche und ökologische
Regulierung dieser ökonomischen Triebkräfte ist jedoch eine wesentliche
Bedingung für eine nachhaltige Entwicklung. Denn der Markt ist weitgehend blind
gegenüber sozialen und ökologischen Fragen. Ich möchte dies an einigen
Beispielen verdeutlichen: Ohne hinreichenden Arbeits- und Gesundheitsschutz wird
die menschliche Arbeitskraft schnell verschleißen. Die Kosten werden dann in
Form von Arbeitslosigkeit oder chronischen Krankheiten der Gesellschaft
aufgebürdet. Ohne eine staatliche Regulierung der Beschäftigung – z.B. durch
Mindestlöhne - wachsen prekäre Beschäftigungsformen. Die Betroffenen können ihre
Zukunft nicht mehr planen. Folglich werden weniger Kinder geboren, die
Bereitschaft zur betrieblichen Weiterbildung sinkt, die Gefahr von Altersarmut
steigt. Auch in diesem Fall werden die Kosten sozialisiert. Ohne ökologische
Regulierung – z.B.: durch staatliche Subventionierung - wäre die
Erfolgsgeschichte der regenerativen Energien (Wind, Wasser, Sonne) in Westeuropa
nicht möglich gewesen. Markteinkommen ergeben sich ohne Rücksicht auf
Einschränkungen der individuellen Leistungsfähigkeit durch körperliche
Behinderung, familiäre Belastungen oder gesellschaftliche Diskriminierung. Zudem
sind die Markteinkommen in allen Industriegesellschaften immer noch sehr stark
durch soziale Herkunft bestimmt. Dies gilt insbesondere für Einkommen aus
Vermögen. Staatliche Umverteilung kann diese sozialen Ungerechtigkeiten
ausgleichen. In Deutschland wird, mittels Transfereinkommen, Steuern und
Sozialabgaben, die ungleiche Verteilung der Markteinkommen um fast 50 %
reduziert. Aber auch in den Bereichen Bildung und Frühkindeserziehung ist
staatliches Handeln – kostenloser Zugang, Förderung von Kindern aus
einkommensschwachen Haushalten - gefordert, um dort Chancengleichheit zu
ermöglichen. Dieses sozialstaatliche Fundament ist die Voraussetzung dafür, dass
die individuelle Freiheit nicht vom Geldbeutel abhängt.
Meine vorletzte Frage zielt auf die Außenwirtschaftspolitik Deutschlands und
der Europäischen Union ab. Wie Sie sicherlich wissen, praktiziert die EU vor dem
Hintergrund der guten Erfahrungen Westeuropas und Deutschlands im kalten Krieg
mit der Entspannungspolitik Willy Brandts und Helmut Schmidts aber auch Helmut
Kohls die Politik des sog. „kritischen Dialogs“ gegenüber vielen Regimes wie
Iran, Libyen, Syrien oder China. In den Augen vieler Iraner ist diese Doktrin
wie ein Vorwand für die europäischen Staaten, ihre wirtschaftlichen Interessen
in vielen Ländern, in denen Menschenrechte täglich verletzt werden, moralisch zu
legitimieren. Das Beharren der EU auf die angebliche Wirksamkeit des kritischen
Dialoges in einem Umfeld der politischen Repression im Iran führte zu einer
Verstärkung der politischen, aber auch einer emotionalen antieuropäischen oder
zumindest misstrauischen Haltung gegenüber Europa in den letzten Jahren
innerhalb der iranischen Opposition. Profitieren nicht auch die deutschen
Arbeiter von den guten wirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands zu den Ländern
mit fragwürdigen und zum Teil despotischen Regimes, denn von diesen Geschäften
hängen auch einige Arbeitsplätze etwa in der deutschen Exportwirtschaft ab? Was
ist die Position des DGB hinsichtlich des „kritischen Dialogs“? Was ist Ihre
persönliche Meinung?
Dr. Hirschel: Internationale Arbeitsteilung
zwischen Industrie- und Schwellenländern muss nicht die Form der Ausbeutung
annehmen. Dies zeigt die Entwicklung der südostasiatischen Tigerstaaten oder
Chinas. Wenn die Industriestaaten ihre Grenzen gegenüber den Exportgütern der
Schwellenländer öffnen, dann kann eine Win-Win-Situation entstehen. Die
Industrieländer profitieren durch den Export ihrer Investitionsgüter, welche die
Schwellenländer benötigen, um sich schneller zu industrialisieren. Die
Schwellenländer exportieren ihre arbeitsintensiven Produkte – Textilien,
Bekleidung, Möbel – um auf diesem Weg, die für die weitere Entwicklung
notwendigen Devisen zu erwirtschaften. In den Industrieländern sinken die Preise
für diese Güter. Damit möchte ich aber keinesfalls eine umfassende Handels- und
Kapitalmarktliberalisierung befürworten. Entscheidend ist immer der Zeitpunkt.
Wenn Schwellenländer den Staat als Entwicklungsagentur begreifen, dann setzen
sie nicht blind auf Grenzöffnung. Ein kluger Protektionismus schützt die
heimischen Infant Industries so lange bis sie international konkurrenzfähig
sind. Die Chinesen waren mit dieser Strategie äußerst erfolgreich.
Wenn internationale Konzerne in Schwellenländern investieren, bauen sie in der
Regel moderne Produktionsanlagen. Die Löhne sind höher, der Arbeitsschutz
besser, die Arbeitszeiten kürzer und die Technik moderner als in vergleichbaren
Betrieben des jeweiligen Landes. Dies kann ein Beitrag zur Modernisierung sein.
Muss es aber nicht. Entscheidend ist auch in diesem Fall die Rolle des Staates.
Der Staat des Schwellenlandes sollte durch Technologietransfer – mit Hilfe von
Joint Ventures- ,durch Einbeziehung lokalerer Zulieferer und Dienstleister –
local content Klauseln - sowie durch Gewinnabschöpfung verhindern, dass reine
Produktionsinseln – wie die Maquiladores in Nordmexiko - entstehen, die schon
morgen wieder verschwinden können. Auch hier können wir von der chinesischen
Wirtschaftspolitik lernen.
Ökonomisch spricht somit nichts gegen intensive Wirtschaftsbeziehungen. Eine
politische Beurteilung ist dennoch schwierig. Ausschlaggebend ist meines
Erachtens, ob die internationalen Wirtschaftsbeziehungen einen
gesellschaftlichen Modernisierungsprozess fördern oder nicht. Modernisierung im
Hinblick auf die gesamte Infrastruktur des Landes, die Bildung und
Qualifizierung seiner Einwohner sowie die Beschäftigungsentwicklung. Ist
letzteres positiv zu beurteilen, dann sollte ein kritischer Dialog geführt
werden. Früher oder später werden die Diktatoren dann von einer emanzipativen
Volksbewegung aus dem Amt gejagt (siehe Südkorea). Profitiert von der
wirtschaftlichen Integration lediglich die herrschende Elite, dann kann eine
Boykottstrategie zielführend sein. Die deutschen Gewerkschaften haben sich im
Fall von Südafrika für die ökonomische Isolierung des Landes entschieden. Es
sollte jedoch nicht vergessen werden, dass es in Südafrika eine starke
Opposition im Land selbst gab, die diese Strategie befürwortete. Folglich sollte
eine solche Entscheidung, wenn möglich, immer gemeinsam mit den oppositionellen
Kräften des jeweiligen Landes, getroffen werden.
Meine letzte Frage ist eine persönliche. Könnten Sie sich vorstellen,
ehrenamtliches Mitglied in einem Beirat der „Referendumsbewegung“ zu werden, der
aus bekannten nicht-iranischen Persönlichkeiten besteht, die sich moralisch und
politisch für eine Demokratisierung Irans auf Grundlage der Menschenrechtscharta
der Vereinten Nationen einsetzen?
Dr. Hirschel: Ja.
Vielen Dank Herr Dr. Hirschel für das Interview.
Newsletter – Nr. 2 Mai 2006
Referendumsbewegung