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Über die iranische Atomkrise
Interview mit dem iranisch-amerikanischen Ökonomen und Publizisten
 Farhad Yazdi
 

Frage: Mit der Zuspitzung der iranischen Atomkrise werden in einigen bestimmten westlichen Kreisen die Stimmen derer laut, die der Ansicht sind, dass Iran per se ein zu großes Land in der Region ist, das immer eine Bedrohung für den Frieden und die Sicherheit der Region darstelle, sobald es militärisch stark werde. Wie beurteilen Sie diese Haltung? Welche Strategie schlagen diese Kreise für die Zukunft Irans vor?

Yazdi: Es gibt keine historischen Befunde, die solche Behauptungen belegen. Der letzte erfolgreiche Krieg Irans geht auf das Jahr 1795 zurück, in dem der Qadscharen-König Agha Mohammad Khan den Krieg mit Russland um Georgien führte. In den letzten 210 Jahren war Iran nur einmal zu seiner Verteidigung gegen Saddams Armee in einen Krieg gezogen. In der meisten Zeit seiner Geschichte befand sich der angeblich zu große Iran in der Nachbarschaft eines mächtigen und ungleich großen Nachbarn, nämlich Russland. Seit Peter dem Großen (1682 bis heute) stand Iran direkt oder indirekt unter dem Druck Russlands. Die Türkei im Westen und Pakistan im Südosten Irans sind militärisch erheblich stärker als der Iran. Pakistan verfügt sogar über Atomwaffen und eine doppelte Bevölkerungszahl. Das Nato-Mitgliedsland Türkei ist mit vielen militärischen Stützpunkten US-amerikanischer Streitkräfte militärisch de facto unschlagbar. Im Süden Irans befinden sich ebenfalls US-amerikanische Streitkräfte.

Iran braucht für die Entwicklung seiner wirtschaftlichen Potentiale Stabilität, Sicherheit und Frieden sowohl im Inland und in der Region. Die aggressive Außenpolitik Irans hat mit der islamischen Republik und nicht mit Iran als einem zu großen Land zu tun und steht im Gegensatz zu langfristigen Interessen des Landes. Die von Ihnen genannten Kreise setzten das islamische Regime mit dem Land und dem iranischen Volk gleich. Ich glaube, dass solche Kreise nicht nur die militärische Bedrohung Irans im Sinn haben, wenn sie von einem zu großen Irans reden. Ich denke, dass sie auch an die reichhaltig vorhandene Reserven an Erdöl, Erdgas und anderen mineralischen Stoffen des Landes in einem Umfeld denken, in dem der Verbrauch von Energieträgern wie Erdöl aufgrund der raschen Entwicklung Chinas und Indiens erheblich zugenommen hat. Die Frage der Sicherstellung und Beherrschung der Versorgung der Weltwirtschaft mit Energie ist ebenfalls ein wichtiger Grund für Argumente dieser Kreise in den westlichen Ländern gegen einen zu großen Iran. Iran spielt mit seinem Ressourcenreichtum, mit 70 Mio. Einwohnern und seiner geographischen Lage zwischen zwei sehr wichtigen Erdöl- und Erdgasregion der Welt am Kaspischen Meer und am Persischen Golf strategisch eine zentrale Rolle für die gesamte Weltwirtschaft. In den Augen dieser Kreise und auch einiger Entwicklungsländer ist ein in vielen kleinen Staaten aufgeteilter Iran leichter zu kontrollieren und gegebenenfalls militärisch leichter zu besiegen. Unter diesen internationalen Bedingungen ist es umso wichtiger, dass die iranische Regierung alle solche skeptischen Bedenken gegen den Iran in seiner jetzigen territorialer Integrität mit einer kühnen Politik entkräftet, was leider nicht geschieht.

Ein zerstückelter Iran ist leider eine ernsthafte Option für etablierte und potentielle Mächte. Außerdem haben einige separatistische Gruppierungen und Nachbarn Irans ebenfalls Interesse an einer Teilung Irans in viele Kleinstaaten.

Frage: Alle iranischen und ausländischen Kritiker des Regimes sind gegen einen Militärangriff auf Iran. Die einzigen, die offensichtlich einen Krieg hervorrufen wollen, sind die Führer des islamischen Regimes, d.h. der iranischer Präsident Ahmadinedschad und der geistliche Führer Ayatollah Chamenei. Welche Strategie verfolgt das iranische Regime mit diesem harten und unnachgiebigen Kurs?

Yazdi: Krieg ist die letzte Überlegung und wenn der Krieg ausbricht, müssen alle anderen Mittel zur Lösung eines Konfliktes bereits versagt haben. Kein vernünftiger Mensch und keine vernünftige Regierung bevorzugen einen Krieg. Zwei Regime, Saddams und die Taliban, bei denen Vernunft und nationale Interessen keine Rolle spielten, das eine westlich und das andere östlich vom Iran, haben sich in einen Krieg verwickeln lassen mit der Folge, dass bis heute die eigenen Bevölkerungen beider Staaten die katastrophalen Folgen dieses Krieges zu tragen haben. Beide Regierungen wussten von vorn herein, dass sie keinen Krieg gegen die Alliierten Kräfte gewinnen können.

Die islamische Regierung im Iran ist fest davon überzeugt, dass ein militärischer Angriff auf das Land unwahrscheinlich ist. Auf der einen Seite hat Iran eine erheblich höhere Bevölkerungszahl als Irak, ist in militärischer Hinsicht stärker und verfügt über einen in vielen Jahrhunderten gewachsenen nationalen Zusammenhalt, weshalb sich Iran wesentlich stärker als Irak oder Afghanistan gegen einen Angriff zur Wehr setzen kann. Auf der anderen Seite schwächen die gegenwärtige Instabilität im Irak und die unmittelbare Verwicklung der USA und Großbritanniens in Kampfhandlungen mit der Zeit die Position dieser Länder gegenüber dem Iran. Unter diesen Umständen versucht das islamische Regime diese Situation, die sehr selten eintritt, für die Mobilisierung der Unterstützung der Bevölkerung für das Regime innenpolitisch auszunützen und sich dadurch zu stabilisieren. Das Regime erhofft sich mit der Zuspitzung der Krise die Bevölkerung hinter sich zu bringen.

Dieses Kalkül kann aber zu ungewünschten und unvorhersehbaren Ergebnissen führen. Auch wenn kein Volk, insbesondere das iranische Volk, sich einen Krieg wünscht und auch wenn die alliierten Kräfte im Irak sich in einer misslichen Situation befinden, darf man die zerstörerische militärische Kraft der westlichen Länder, insbesondere der US-Armee nicht unterschätzen. Die alliierten Kräfte waren in der Kriegsführung gegen die irakische Armee sehr erfolgreich, auch wenn sie in der Stabilisierung des Landes und im Aufbau der Demokratie nicht die erwarteten Ergebnisse erzielt haben. Mit anderen Worten dürfen die Ereignisse im Irak die Führer der islamischen Regierung nicht dazu veranlassen, das zerstörerische militärische Potential der alliierten Kräfte völlig außer Acht zu lassen.

Frage: Die islamische Republik versucht seit 18 Jahren (1986-2006) ihr ganzes Programm zur Erlangung der Atomtechnologie vor den Augen der Weltöffentlichkeit geheim zu halten. Der größte Teil der Realisierung dieses Programms wurde genau in der Zeit umgesetzt, als die Europäer die Politik des „kritischen Dialogs“ gegenüber dem islamischen Regime praktizierten. Kann so eine Politik und die einseitige Betonung der alleinigen Wirksamkeit der kritischen diplomatischen Gespräche die Gefahr der atomaren Aufrüstung Irans verhindern?

Yazdi: Die iranische Atomkrise hat zu einer erheblichen Verbesserung der bis dahin relativ abgekühlten Beziehungen zwischen den Europäern und Amerikanern beigetragen. Nach ein paar Jahren Erfahrung der Europäer mit dem „kritischen Dialog“ gegenüber dem Iran haben europäische Staaten verstanden, dass sie ohne militärische Macht und ohne die Unterstützung der USA als politische Global Player kaum eine ernstzunehmende Rolle spielen können und dass eine freundschaftliche Beziehung zu den USA auf lange Frist wesentlich vorteilhafter ist als kurzfristige Gewinnmitnahmen auf Kosten der Beziehungen zu den USA. Die westlichen Länder sind seit vielen Jahren wirtschaftlich und sicherheitspolitisch voneinander abhängig. China und Russland haben längst eine Entwicklung in dieser Richtung eingeschlagen und wollen diese positive Entwicklung nicht wegen Iran gefährden, auch wenn sie gegenwärtig sehr gute Geschäfte mit Iran machen- obwohl diese allerdings gegen ihre Vorteile aus dem Handel mit den westlichen Staaten verhältnismäßig gering ausfallen sollten. Aus diesem Grund haben alle großen Mächte der Welt mehr oder minder Probleme mit Iran. Alle diese Länder einschließlich der Nachbarländer und die Länder der Nahostregion werden die Versuche Irans, sich mit Atomwaffen aufzurüsten, nicht dulden. Ganz im Gegenteil zum Fall Irak, in dem die USA und Großbritannien den europäischen Staaten, Russland und China gegenüberstanden, befinden sich alle diese Länder auf einer gemeinsamen Seite und unterstützen nicht die Pläne des iranischen Regimes zur Urananreicherung. Ihre Meinungsverschiedenheit besteht in der Art und Weise, wie das Ziel zu erreichen sei.

Wie lange noch mit Iran weiter verhandelt wird und wie lange keine Sanktionen verhängt werden oder sogar militärische Angriffe ernsthaft in Betracht gezogen werden, hängen im Wesentlichen davon ab, wann Iran, nach der Einschätzung der westlichen Länder, in der Lage ist, den geschlossenen Kreislauf der Atomtechnologie vollständig zu beherrschen. Solange der Westen der Ansicht ist, dass der Iran noch weit von diesem Zustand entfernt ist, werden Gespräche begleitet von sanften Drohungen oder Strafen geführt.

Frage: Die Europäer bestehen auf direkte Verhandlungen zwischen Iran und den USA. Können direkte Gespräche zwischen den Erzfeinden zu einer friedlichen Lösung der Atomkrise beitragen?

Yazdi: Verhandlungen und Gespräche, die dem islamischen Regime verschiedene mögliche Szenarien zeigen, sind an sich positiv. Aber in der Frage der iranischen Atomkrise manövrierte sich das Regime durch seine harte und unnachgiebige Haltung in eine Sackgasse, dass eine Abkehr von dem bisherigen Kurs für Iran ohne das Zugeben der Niederlage der bisherigen Strategie, was einem Gesichtsverlust gleichkommt, fast unmöglich macht. Die Frage ist, welche neuen Vorschläge kann Iran in so einer Situation den USA und den anderen Verhandlungspartnern anbieten. Und wenn die Verhandlungen mit den USA auch noch Themen wie den Nahostkonflikt, den internationalen Terrorismus, Irak und die Menschenrechtssituation im Iran umfassen würden, müsste Iran zu noch mehr Zugeständnissen bereit sein. Das schränkt Iran aber in seiner Handlungsfreiheit entschieden ein. Die iranische Führung wird nicht ernsthaft zu direkten Verhandlungen mit den USA bereit sein, weil solche Verhandlungen die Widersprüche des Regimes offenbaren. Es muss betont werden, dass verschiedene Gruppen innerhalb des Systems unterschiedliche Interessen verfolgen, sodass jede Vereinbarung mit den USA von der gegnerischen Seite zur Disposition gestellt wird.

Als Ahmadinedschad mit Unterstützung vom Militär- und Sicherheitsapparat Präsident der islamischen Republik wurde, gab es die Möglichkeit, dass er gestützt durch die politische Stabilität im Inland direkte Gespräche mit den USA aufsucht. Aber mit seinen harten und unvertretbaren Positionen in den letzten sechs Monaten steht auch diese Möglichkeit als ernsthafte Option nicht zur Debatte. Keine einzige Gruppe innerhalb des Regimes ist in einer derartig starken Position, um alleine verbindliche Vereinbarungen mit den USA zu treffen. Die wichtigste Voraussetzung für umfangreiche Gespräche mit den USA ist die eindeutige Dominanz einer herrschenden Gruppe gegenüber ihren Kontrahenten im System der islamischen Republik.


Frage: Andere Länder der Welt wissen über die Unzufriedenheit der iranischen Bevölkerung mit dem islamischen Regime bestens Bescheid. Síe sind sehr erstaunt, wenn genau diese Bevölkerung in der Frage der Atomtechnologie die Haltung des Regimes unterstützt. Wie kann man diesen Widerspruch verstehen?

Yazdi: Seit den Anfängen der islamischen Revolution wurde der nationale Stolz der Iraner stets verletzt. Die Erniedrigung und die fehlende Beachtung der Bevölkerung, die es auch im alten Regime gegeben hat, wurden in der islamischen Republik massiv vorgenommen. Eine Verfassung, in der das Volk faktisch keine Rechte hat, massive Verhaftungen, Hinrichtungen, Enteignungen von Hab und Gut der Bevölkerung und private Aneignung des staatlichen Reichtums durch die höchsten Persönlichkeiten des Regimes haben das nationale Gefühl der Iraner massiv beeinträchtigt. Der achtjährige Krieg gegen Irak, der ein Drittel der Bevölkerungszahl Irans hat und über keine Historie als Nation verfügt, beschädigt ebenfalls das nationale Empfinden der Iraner.

In den letzten Jahren wurden Iraner in ihrem Nationalstolz ständig von allen Seiten verletzt. Eine Art der Fremdenfeindlichkeit wächst im Iran, die auf die Verdrängung der eigenen Schuld für diese miserable politische Situation der Gegenwart zurückzuführen ist. Das islamische Regime konnte mit der Hervorhebung des iranischen „Rechtes“ auf die friedliche Nützung der Atomtechnologie das oben beschriebene psychische Phänomen erfolgreich zu seinen Gunsten instrumentalisieren. Iran und Iraner haben viel wichtigere „Rechte“ als das Recht auf Atomtechnologie, die dieses Regime jeden Tag missachtet. Dieses Regime verliert kein einziges Wort über diese Rechte, wie die Menschenrechte oder das Recht als Selbstbestimmung des iranischen Volkes. Die Kehrseite dieser Instrumentalisierungspolitik des Regimes ist das Erstarken des iranischen Nationalismus, der an sich eine Gefahr für die Herrschaft der Kleriker darstellt.

Frage: Europäische Staaten sind der Ansicht, dass die Unterstützung der USA für die Demokratiebewegung im Iran und das Beharren der gegenwärtigen US-Regierung auf einen Regimewechsel im Iran die Lösung der iranischen Atomkrise unmöglich macht. Während der 27 jährigen Herrschaft dieses Regimes ist sowohl die Sicherheit der Region und der Welt wie auch die Sicherheit Irans massiv beeinträchtigt worden. Obwohl offensichtlich die westlichen Länder und die iranische Bevölkerung gemeinsame Vorteile von einem Regimewechsel im Iran hätten, verfolgen die Europäer keine Politik des Regimewechsels im Iran. Ist ihre Politik nicht gegen die Interessen der iranischen Bevölkerung ausgerichtet?

Yazdi: Die Fortsetzung der islamischen Republik bedeutet auch nach einer möglichen Lösung der iranischen Atomkrise erneut neue Krisen, welche die alten Krisen ersetzen. Krise ist charakteristisch für dieses Regime. Man kann für die Lösung einer Krise, die mit Sicherheit durch eine neue ersetz wird, die Interessen des iranischen Volkes nicht berücksichtigt haben. Der Westen muss mit allen Kräften die Bemühungen der Iraner für die Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und nationale Eintracht unterstützen. Und wenn manche europäische Staaten in ihren Forderungen nicht einen Regimewechsel verlangen können, können sie zumindest darauf bestehen, dass die Menschenrechte geachtet werden und dies zur Voraussetzung für weitere Vereinbarungen machen. Die dauerhafte Lösung der iranischen Atomkrise oder anderer Krisen, die entstehen werden, hängt entschieden von der Demokratisierung, Volksherrschaft und Rechtsstaatlichkeit im Iran ab. Bislang kennt die Welt keinen Fall, indem zwei demokratische Staaten ihre Konflikte mit kriegerischen Mitteln zu lösen versucht haben.

Vielen Dank Herr Yazdi für das Interview.

Newsletter – Nr. 1 – 2006

Herausgeber (Editor): Ali Kashgar, Bahram Rahimi
Redaktion: Farkhondeh Modarres,
Dr. Mehrdad Payandeh,
Reza Pirzadeh
Übersetzungsteam: Maral Kashgar, Hayedeh Tavakoli, Fabian Clausen, Davood Kazemieh
E-Mail : de@60000000.info



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