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Die Kerntechnologie ist keine Lebensnotwendigkeit für den Iran

Die iranische Atomkrise nimmt zunehmend unberechenbare Züge an. Die Regierung des Gottesstaates verhält sich gegenüber der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) und den westlichen Verhandlungspartnern sei. Sie stilisiert diese Frage sogar zu einer Schicksalfrage der iranischen Nation.
 
Die Argumente Irans hinsichtlich der Beherrschung des kompletten geschlossenen Kreislaufes für Atomtechnologie einschließlich der umstrittenen Urananreicherung im Inland sind zum einen politisch und zum anderen ökonomisch und wissenschaftlich motiviert.

Politische Motive
Die iranische Regierung fühlt sich seit ihrer Gründung durch die USA und Israel bedroht, sodass viele Strategen des islamischen Regimes offen oder im Geheimen für die Entwicklung und Produktion von Atomwaffen gegen diese Bedrohung eintreten. Zum einen ist Iran durch die US-Einheiten von allen Seiten umzingelt, was im Iran als eine akute Bedrohung empfunden wird. Die Machthaber im Iran unterliegen der Vorstellung, dass sie mit den Atomwaffen gegenüber der Welt und insbesondere gegenüber den ihnen und dem Islam feindlich besonnenen USA unangreifbar würden und für immer und ewig das Land regieren könnten. Zum anderen sind ihre Glaubensbrüder, die Palästinenser, der militärischen Übermacht Israels schutzlos ausgeliefert, was eine militärische Parteinahme Irans im Falle eines bedrohlichen Angriffs Israels gegen die Palästinenser in diesem Konflikt begründen und auslösen könnte. Ein Iran mit einer „islamischen“ Atomwaffe könnte Palästina vor derartigen Angriffen schützen, da Israel immer mit einer Reaktion Irans rechnen müsste.

Das erste politische Motiv Irans beruht auf der Annahme, dass Iran als Atommacht wie im Falle Nordkoreas sowohl von außen als auch von innen unangreifbar wird. Aber die Beherrschung der Atomtechnologie alleine und die Verfügung über ein paar Atombomben wie im Falle Pakistans bringt weder nationale noch regionale Stabilität. Ganz im Gegenteil löst diese Strategie ein Wettrüsten mit Atomwaffen auch in den anderen Ländern der Region aus und gefährdet deren Stabiltät. Außerdem ist der Vergleich mit Nordkorea verfehlt, denn die wirtschaftliche, politische und strategische Bedeutung Irans ist für die Stabilität und Sicherheit der Region bedeutend, so dass die westlichen Länder einen Iran mit Atomwaffen in der unmittelbaren Nähe der wichtigen Erdölquellen nicht dulden werden. Hingegen ist Nordkorea ein kleines und isoliertes Land, von dem keine Gefahr für die Weltgemeinschaft ausgeht.

Das zweite politische Motiv basiert auf der Prämisse einer potentiellen Gefahr für die islamische Welt durch die israelischen Atomwaffen. Dieser Gefahr der Übermacht Israels gegenüber den Palästinensern und der islamischen Welt müssen die islamischen Länder, so der Tenor der iranischen Strategen, mit einer eigenen „islamischen Atombombe“ begegnen. Diese Argumentation der Schutzfunktion kann man bereits nach oberflächlicher Betrachtung mit dem Hinweis auf die Verfehlung des Ziels in diesem Ansatz entkräften, denn ein atomarer Angriff Irans gegen Israel bedeutet angesichts der geographischen Lage der Krisenregion nicht nur eine Vernichtung Israels, sondern auch Palästinas, Libanons und sogar von Teilen Jordaniens. Im Grunde ist die Nutzung bestimmter Waffen zum Schutze von Menschen, die selbst im Zuge des Angriffs mit den gleichen Waffen vernichtet werden, nicht nur paradox, sondern zynisch und absurd. Bei einem atomaren Angriff Irans auf Israel werden Palästinenser und Israelis das gleiche Schicksal, nämlich die vollkommene Vernichtung erleiden. In dieser Frage haben arabische und israelische Nachbarn in der Region keinen Vorteil von einer islamischen Atombombe. Abgesehen davon werden die USA und die westlichen Staaten einen atomaren Angriff auf Israel nicht dulden, sodass Iran mit einem vernichtenden Gegenangriff der USA rechnen muss. Aus diesem Grund kommt ein iranischer atomarer Militärschlag gegen Israel für den Iran einem Selbstmord und der eigenen Vernichtung gleich.

Wirtschaftliche Motive
Eine andere und offizielle Begründung Irans für den Erwerb der Atomtechnologie ist ihre friedliche Nutzung zur Energieerzeugung, was im Zusammenhang mit einer Diversifizierung der Energiequellen und einer Reduzierung der Abhängigkeit von knappen natürlichen Energieträgern wie Erdöl, Erdgas oder Kohle in allen Ländern diskutiert wird und keine iranspezifische Debatte ist. Aber der Unterschied zwischen Iran und den anderen Ländern besteht gerade darin, dass Iran im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern auf einem Meer aus natürlichen Energieträgern wie Erdöl und Erdgas schwimmt und mittelfristig mit keiner Energieknappheit rechnen muss.

Die iranischen Befürworter einer friedlichen Nutzung der Atomtechnlogie haben bis jetzt keine Bilanz über Kosten und Nutzen der Energieerzeugung in den Atomkraftwerken gezogen. Selbst die Höhe der bisherigen Kosten für die bereits getätigten Investitionen in diese Technologie bleiben im Dunklen. Wieviel Mrd. Dollar hat man bislang legal und illegal in solche Anlagen investiert, ohne dass ein Kilowatt Strom erzeugt wurde?

Was der Wahrheit entspricht, ist der Umstand, dass Iran trotz vieler Energiereserven bis in die ferne Zukunft keinen praktischen und strategischen Bedarf an Atomenergie hat, und dass die iranische Regierung dafür aber seit mehr als 18 Jahren ein ebenso umfangreiches und kostspielieges wie gefährliches Programm durchführt. Das Gefährliche an diesem Programm sind nicht nur die politischen oder militärischen Folgen, sondern auch die Risiken, die technisch und geographisch begründet sind. Ein kleiner menschlicher oder technischer Fehler könnte eine Katastrophe hervorbringen, die vernichtender wäre als in Tschernobil. Außerdem erhöhen zwei Aspekte der iranischen Kultur, nämlich fahrlässiger Umgang mit Vorschriften und blindes Vertrauen in Technik, diese Gefahr zusätzlich. Hinzu kommt noch, dass Iran ein stets gefährdetes Erdbebengebiet ist. Nicht zuletzt sind die veralteten russischen Atomtechnologien zu nennen. Iran hat sich durch seine Außenpolitik international isoliert und ist von dem Embargo durch westliche Länder, insbesondere durch die USA, betroffen, sodass dem Land der Anschluss an die technologischen Innovationen in diesem Bereich verwehrt bleibt. Die Folge ist, dass das iranische Atomprogramm ausschließlich auf alte russische Technologien setzt, welche die internationalen Sicherheitsstandards nicht erfüllen.

Eine der Folgen des unnachgiebigen Beharrens der Regierung in Teheran auf die hundertprozentige Beherrschung des geschlossenen Kreislaufs für Atomtechnologie einschliesslich der Urananreicherung, die eine doppelte Nutzungsfunktion (friedliche wie militärische) beinhaltet, ist die, dass das iranische Atomprogramm in seiner Gesamtheit in Frage gestellt wird, auch die Bereiche wie die medizinische Nutzung der Atomtechnologie etc., die nicht als missbrärchich gelten. Iran wird hier ebenfalls den Anschluß an internationalen Standards verpassen.

Wenn die islamische Regierung, die angeblich den Fortschritt und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes im Sinne hat, nur einen Bruchteil dessen, was sie bisher in den Erwerb veralteter Atomtechnologien investiert hat, in Produktionsstätten für Fotovoltaik zwecks Stromerzeugung durch die Sonnenenrgie investiert hätte, würde das Land heute über eine zukunftweisende Technologie verfügen und wäre in der Lage, den größten Teil seines Energiebedarfs dadurch zu produzieren, da weite Teile des Landes in den meisten Monaten des Jahres über intensive Sonneneinstrahlung verfügen. Außerdem hätte sich Iran in die Lage versetzt, in einem zukunftsweisenden und innovativen Segment Arbeitsplätze, die das Land angesichts der hohen Arbeitslosigkeit dringend braucht, zu schaffen. Hinzukommen noch die Exportchancen solcher Produkte in die gesamte Region, die ebenfalls über viel Sonne verfügt.

Regierung in Teheran gefährdet die Stabilität in der Region
Aus den genannten Gründen braucht Iran aus politischer, militärischer, wirtschaftlicher und ökologischer Sicht keine Atomtechnologie weder für zivile noch für militärische Nutzung. Ganz im Gegenteil wird die unnachgiebige Verfolgung des iranischen Atomprogramms durch das Regime in Teheran nicht nur zur weiteren politischen und wirtschaftlichen Isolation des Landes führen, sondern auch die Gefahr einer militärischen Eskalation und politischen Instabilität in der Region erhöhen. Und dafür trägt allein die Regierung in Teheran die Verantwortung.


(Dieser Text ist eine Zusammenfassung des Artikels „Die Kerntechnologie ist keine Lebensnotwendigkeit für den Iran“ von Dr. Behrooz Bayat, erschienen auf www.urenco.de)



Newsletter – Nr. 1 – März 2006
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