Iranisches Atomprogramm
vor der Sicherheitsrat und die Hilflosigkeit der Weltgemeinschaft
Shahin Fatemi Herr Professor Fatemi, die
letzte Resolution des UN-Sicherheitsrats über den Iran wurde während des
jüngsten Krieges zwischen Israel und Libanon verabschiedet, als dieser Krieg im
Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Welt stand. Darin gab der Sicherheitsrat dem
islamischen Regime bis zum 31. August Zeit, die Urananreicherung vollständig
einzustellen. Was wird passieren, wenn Iran dieser Resolution keine Folge
leisten würde? Es scheint nicht so, dass die Veto-Mächte sich über umfangreiche
Sanktionen einigen könnten.
Sind überhaupt Wirtschaftssanktionen gegen ein Land mit umfangreichen Vorräten
an fossilen Energieträgern, von dem das wirtschaftliche Leben vieler
entwickelter Gesellschaften abgängig ist, überhaupt möglich und wenn ja, können
sie so ein Regime in die Knie zwingen?
Bitte sagen Sie uns, welche Alternative halten Sie unter der Berücksichtigung
der Situation im Iran und der Interessen des Landes und der iranischen
Bevölkerung für richtig: das Beharren auf das iranische Recht auf den Besitz des
Atomtechnologie – um jeden Preis, sogar um den Preis eines militärischen
Angriffs auf das Land – sodass sich Iran in die Lage versetzt zu einer Atommacht
in der Region zu werden oder das Akzeptieren des „Paktes mit Sonderprivilegien“
als Preis für die Aufgabe der Urananreicherung durch das islamische Regime.

Shahin Fatemi: Alles weist darauf hin, dass nach dem Ablauf der Frist am 31.
August keine nennenswerte Veränderung der jetzigen Situation zu erwarten ist.
Die islamische Republik hat mit der Inbetriebnahme der Anlage in Arak zur
Herstellung des Schwerwassers einen weiteren Schritt zum eigentlichen Ziel
gemacht, nämlich die Herstellung der Atomwaffe.
Die eigentliche Frage lautet also, was kann der Sicherheitsrat oder besser
gesagt, was können die westlichen Länder machen bzw. was werden sie machen? Es
scheint so, dass außer den USA und zum Teil Großbritannien kein anderes Land
ernsthaft bemüht ist, weitreichende und ernste Entscheidungen gegen Iran zu
treffen. Deutschland und Frankreich haben überwiegend wirtschaftliche
Ambitionen. Beide Länder müssen ihr labiles Wirtschaftswachstum stabilisieren;
eine Unterbrechung der wirtschaftlichen Beziehungen zu Iran könnte ihnen zu
teuer kommen. Teheran nutzt diese Situation aus und wenn jedes Mal die Rede von
Sanktionen ist, warnt Iran die Europäer vor den Folgen. Im Falle China ist die
Sache in erster Linie wirtschaftlich und nicht politisch. Aber Chinesen werden
den Russen folgen. Der Sicherheitsrat hat das eigentliche Problem mit den Russen
und wie zu erwarten war, haben die Russen nicht einmal bis zum Ablauf der Frist
gewartet. Diesmal meldete sich offiziell der russische Verteidigungsminister –
und nicht wie üblich der russische Außenminister –, mit dem Hinweis darauf zu
Wort, dass Sanktionen nicht auf der Tagesordnung stehen und dass die Diskussion
darüber zu früh ist.
Daher muss man die Lage so beurteilen. Die Amerikaner wussten von Anfang an,
dass die Russen nicht diesen Weg bis Ende mitgehen würden. Sie wollten mit den
bisherigen Schritten sich von dem Vorwurf des Alleingangs und der fehlenden
Kooperationsbereitschaft entlassen. Heute stehen zwei Thesen zur Debatte und
eine Entscheidung zwischen den beiden ist nicht einfach. Einige Fachleute
meinen, dass die islamische Republik auf jeden die Bombe baut und die Welt diese
Wahrheit akzeptieren muss. Einige anderen bestreiten diese These und meinen,
dass die USA und Israel diese Entwicklung nicht hinnehmen werden und ,koste was
es wolle, werden dieses Vorhaben zu verhindern versuchen.
Shahin Fatemi: Wirtschaftssanktionen haben niemals ihre Ziele erreicht.
Vielleicht stellen die Sanktionen gegen das Apartheid-Regime in Südafrika eine
Ausnahme dar. Aber man darf nicht vergessen, dass in diesem besonderen Fall
möglicherweise auch andere Faktoren wie der Zusammenbruch des kommunistischen
Imperiums eine wichtige Rolle gespielt haben. Ansonsten haben wir gesehen wie
Libyen sich an Sanktionen angepasst hat oder wie Kuba sich an Sanktionen gewohnt
hat.
Über den Fall Iran können wir nur darauf hinweisen, dass das Land 8 Nachbarn
hat, die mehrheitlich in der Vergangenheit kaum auf die Einhaltung der
internationalen Verträge geachtet haben und jede Sanktion bedeutet für sie neue
Möglichkeiten für ertragsreichen Handel mit Iran.
Welche Folgen werden verschiedene wirtschaftliche, politische, wissenschaftliche
und kulturelle Sanktionen und Strafmaßnamen für die iranische Bevölkerung mit
sich bringen? Einige iranischen politischen Analysten sagen innenpolitische
Krisen voraus. Die Wirtschaftskrise würde sie dazu führe, dass die von
Sanktionen betroffenen Bevölkerungsschichten gegen das Regime aufstehen. Was
wären die langfristigen Folgen für die Zukunft Irans?
Shahin Fatemi: Meine letzte Antwort auf Ihre Frage bedeutet nicht, dass die
Sanktionen ohne Folgen sein werden. Nein, ganz im Gegenteil. Politische und
wirtschaftliche Sanktionen hätten ungeahnte negative Folgen für die iranische
Wirtschaft und Politik. Sie werden weniger das Regime und viel mehr das Land
schaden. Die schlimmste Folge der Sanktionen ist eine weitere Isolation des
Landes, die zwangsläufig mit den neuen Sanktionen einhergehen wird. In der
heutigen Welt öffnen die Länder zunehmend ihre politischen und wirtschaftlichen
Außenflanken und verfolgen Zusammenarbeit mit den anderen Ländern. Sie haben die
einmaligen Vorzüge der politischen und wirtschaftlichen Integration mit dem
zunehmenden Wohlstand erfahren. Werfen wir einen Blick auf China, Indien und die
anderen ostasiatischen Staaten, damit wir die Folgen dieser Öffnung der
Volkswirtschaften sehen. Und ausgerechnet in so einer Welt hat die islamische
Republik das Land von allen Vorteilen der Internationalisierung der iranischern
Wirtschaft ausgeschlossen und zwar mit negativen Folgen wie hohe
Arbeitslosigkeit, Inflation, Armut und Korruption, was man heute im Iran erlebt.
Wirtschaftssanktionen würden diese selbst gewählte Isolation verstärken und die
iranische Volkswirtschaft zum vollständigen Zusammenbruch führen.
Ob die Sanktionen zur Krise im Inland und infolgedessen zu Aufständen führen
würden, ist nicht leicht vorhersehbar. Denn das Regime kann – wie gegenwärtig –
mit den unzähligen Petrodollars, auch wenn nur scheinbar, die Probleme lösen.
Mit den andern Worten, mit den Petrodollars kann das Regime einen großen Teil
der Bevölkerung, der schon heute von den Subventionen und staatlichen Einkommen
abhängig ist, mit weiteren zusätzlichen wirtschaftlichen Bestechungen noch
stärker als bisher „süchtig“ machen und sie als treue Regimeanhänger an sich
binden. In einem Land, in dem keine Rechtsstaatlichkeit herrscht und das Regime
über Geld und absolute Gewalt verfügt, ist die Unterdrückung der Unzufriedenen
nicht schwer. Daher darf man nicht auf die Aufstände im Inland hoffen.
Die Politik von “Zuckerbrot und Peitsche” führte zu Angebot der Weltgemeinschaft
an den Iran mit der Hoffnung, dass Iran seine Atomambitionen aufgibt. Das Paket
enthält Sonderprivilegien für Iran. Wurde der Inhalt dieses Angebotspakets
bekannt gegeben?
Shahin Fatemi: Der Inhalt dieses “Pakets” ist bekannt. Sowohl die versprochenen
Hilfen für die friedliche Nutzung der Atomenergie als auch die wirtschaftliche
und politische Privilegien sind für Iran sehr nützlich. Aus der Perspektive der
Bewahrung iranischer Interessen ist dieses „Paket“, das sogar umfangreicher als
das ursprüngliche europäisches Angebot ist, muss als seht nützlich betrachtet
werden. Wenn die islamische Republik nicht den Bau der Atombombe verfolgen
würde, sind diese Angebote, die auch voll und ganz von den Amerikanern getragen
werden, eine gute Gelegenheit, das iranische Atomproblem zu lösen.
Iran betont stets, dass das Land auf sein natürliches ”Recht” auf die
Beherrschung des gesamten Kreislaufes dieser Technologie nicht verzichten werde,
aber das Regime wäre bereit, alle Aktivitäten unter die Kontrolle der
Inspektoren der Atomenergiebehörde in Wie zu stellen. Warum akzeptieren die
westlichen Länder diesen Vorschlag nicht? Ist eigentlich eine hundertprozentige
Kontrolle überhaupt möglich?
Shahin Fatemi: Das Thema “Recht” des Irans stand zu keinem Zeitpunkt zur
Debatte. Was die islamische Republik vergisst, sind die Missachtungen in der
Vergangenheit und seine alte schwarze Akte voller Lügen, Verschleierungen und
Verlogenheiten. Für die internationale Gemeinschaft ist es schwer, ab jetzt die
Versprechungen eines Regimes zu glauben, welches immer gelogen hat. Aber wenn es
zu einer Vereinbarung kommt, verfügen westliche Länder seit dem kalten Krieg
über viel Erfahrungsschatz, dass sie die islamische Republik zur transparenten
Einhaltung der Vereinbarung zwingen können.
Über das Vertrauen zu den kommunistischen Russen in solchen Angelegenheiten
sagte Präsident Reagan: „Man muss vertrauen, aber man darf nicht die Kontrolle
vergessen“.
Ja, es gibt die Möglichkeiten zur Kontrolle. Vor allem mit den heutigen
Technologien. Die Voraussetzung dafür ist, dass die andere Seite nicht betrügt.
Shahin Fatemi: Ihre Frage fasst das ganze Thema unseres Gespräches zusammen. Ich
zweifele keine Sekunde daran, dass wenn das islamische Regime nur einen
Augenblick an die nationalen Interessen Irans denken würde, müsste es mit der
Politik, eine Atommacht in der Region zu werden, aufhören und diese historische
Chance für den Erhalt der Sonderprivilegien im Interesse der iranischen
Bevölkerung nutzen.
Was erreicht das Iranische Volk mit Atomwaffen? Wenn sie wirklich ernst meinen
mit den Atomkraftwerken, wird es keine bessere Gelegenheit als jetzt geben.
Leider hat dieses Regime nicht im Geringsten das Interesse der iranischen
Bevölkerung im Sinne. Sie denken eher an das islamische Kalifat als an die
Menschen. Dieses gefährliche Abenteurertum kann für unser Vaterlang schlimme
Folgen haben. Es ist zu begrüßen, dass auch im Iran Gruppen wie „Nationale
Front“ sich einmischen und von dem islamischen Regime verlangen, Vorschläge der
Europäer zu akzeptieren und mit dem Sicherheitsrat in Verhandlungen zu treten.
Ich persönlich glaube nicht, dass Verhandlungen mit diesem Regime erfolgreich
werden. Sie haben ihre Entscheidung längst getroffen und brauchen die Atombombe
als Stütze für ihre Macht. In ihrer Vorstellung gehen sie davon aus, wenn sie im
Besitz der Atomwaffen wären, dann hätten sie keine außenpolitischen Besorgnisse
mehr und können wie Nordkorea das eigene Volk in Unterdrückung und Armut für
Ewigkeit beherrschen. Aus diesem Grund muss man den Westen davon überzeugen,
dass weder Krieg noch Kapitulation vor diesem Regime der Ausweg aus diesem
Miesere ist. Sie müssen entscheiden, dass mit diesem Regime keinen Frieden in
der Region und in der Welt zu erreichen ist. Wenn auch die Europäer mit den
Amerikanern eine gemeinsame Front bilden und offiziell das Ziel des
Regimewechsels verfolgen, kann das iranische Volk alleine seine Zukunft in
eigene Hände nehmen. Die Lösung für das iranische Problem ist weder Krieg noch
Kapitulation vor der Rüstungspolitik dieses Regimes. Die Unterstützung
demokratischer und freiheitlicher Kräfte ist die einfachste, aber auch die
sicherste Alternative zur Lösung der iranischen Atomkrise.
Referendumsbewegung