Ein Krieg zwischen den USA und der islamischen Republik

Daryoush Homayoun




Ein relativ unbedeutsamer Überfall der libanesischen Hisbollah auf israelische Grenzposten führte wie ein Stich zum Platzen einer großen Wunde. Eine Krise wurde sichtbar, die sich seit über zwei Jahrzehnte in einem kleinen Teil des kleinen Libanons anbahnte. Ein gefährliches und blutiges Spiel mit großen Folgen hat begonnen und wir Iraner werden direkt sowohl die positiven als auch die negativen Folgen zu tragen haben. Die menschliche Tragödie dieses Krieges – Krieg findet zwischen militärischen Kräften statt, aber die Zivilisten sind die Opfer – ist groß und kann den ganzen Krieg überschatten. Aber die Ängste wie „Libanon wird vernichtet“ und sonstige Befürchtungen verlieren ihre Bedeutung. Denn mit den humanistischen Gefühlen derer, die nur ihre Empörung aber keinen Ausweg aus der Krise zeigen, kann man mindestens kurzfristig kein Problem lösen. Im Übrigens halten diejenigen, die in Damaskus, Teheran und Bint Dschebeil (Hauptquartier der Hisbollah) diesen wohl kalkulierten Krieg verursacht haben, am wenigstens von diesen humanistischen Gefühlen; und das Schicksal der libanesischen Menschen ist das letzte, woran sie denken würde. Wenn der Mensch sich und seinen (Un)taten den Namen Allah gibt, hat er sich alles erlaubt.

Und hier ein paar Teile eines komplizierten Puzzles:
1. Hisbollah ist in ihrer Gesamtheit ein Produkt der islamischen Republik. Sie ist eine Gruppe, welche der damalige iranische Botschafter in Damaskus mit viel Zeit, Geld und mit Hilfe von Hunderten von den iranischen Militär- und Sicherheitskräften mit dem Ziel aufgebaut hat, in Libanon eine zweite islamische Republik zu gründen, nachdem die PLO durch die israelische Armee aus Libanon vertrieben wurde. In den letzten 24 Jahren hat Iran Milliarden von Dollars an Syrien als Schutzmacht der Hisbollah und an die Hisbollah überwiesen, bis aus dieser Gruppe ein Staat im Staat wurde, der 25 Prozent des libanesischen Territoriums und 10 Prozent der Bevölkerung kontrolliert. Es ist eine lokale und autonome Regierung im Dienste der islamischen Republik und Syriens; ihr ist Libanon als Land egal.

2. Der islamische Terrorismus ist Ideologie, Waffe, Politik und Propagandamaschinerie für Hisbollah, die ihre Arbeit mit Geiselnahmen und Flugzeugentführungen begonnen und Selbstmordattentäter der islamischen Welt geschenkt hat. In den von Hisbollah kontrollierten Gebieten werden kleine Kinder in den Schulen mit dieser islamischen Ideologie indoktriniert und der Führer dieses Hisbollah-Staates verkündet in aller Öffentlichkeit den Traum von der Herrschaft über den gesamten nahen Osten. Die islamische Republik Iran, vereint mit Hisbollah in einer supranationalen Struktur der Schiiten, verfolgt ihre Politik mittels Hisbollah mit aller Konsequenz.

3. Sowohl islamische Republik als auch Hisbollah wissen schon die geringe Reichweite ihrer schiitischen Botschaften innerhalb der sunnitischen Mehrheit der Araber. Aus diesem Grund sehen sie die Lösung zur Übernahme der Meinungsführerschaft in einer radikalen antiisraelischen Haltung und in einem Krieg gegen Israel. Hisbollah hat mit dem Überfall auf einen israelischen Grenzposten mit Hilfe von Hamas, die aus ähnlichen Gründen unter dem israelischen Beschuss stand, eine zweite Front eröffnet. Außerdem erhoffte sich die islamische Republik daraus, dass mittels eines neuen Krisenherds der Druck auf Iran wegen seines umstrittenes Atomprogramms nachlassen würde. Aber weder Hamas, noch Hisbollah noch die islamische Republik rechnete mit dieser harten Reaktion Israels. Sie hielten Israel in Abwesenheit von Scharon und Mofas als Ministerpräsident und Verteidigungsminister, unter den jetzigen zivilen Ministern für zu Schwach und unentschlossen.
 

Beirut unter dem Feuerball

4. Die Überfälle von Hamas und Hisbollah auf die israelischen Grenzposten gab den Israelis und den Amerikanern die beste Gelegenheit, ihr 20-jähriges Problem in Libanon bestens zu lösen. In den Gaza-Streifen konnten Israelis ohne große Mühe Hamas von ihrem unerreichbaren Erwartungshorizont auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Bis jetzt (Ende Juli) haben die schweren Angriffe Israels einerseits dazu beigetragen, dass sieben bewaffnete palästinensische Organisationen wie Hamas sich wieder verstehen. Andererseits kam zwischen dem Ministerpräsidenten (Hanijeh), dem Präsidenten (Abbas) und den acht verschiedenen und von niemanden kontrollierten paramilitärischen Organisationen und Sicherheitsorganen wieder zur Zusammenarbeit. Diese neue Situation ist zu begrüßen. Das erste Ergebnis dieser Zusammenarbeit war die Übereinkunft dieser Gruppen darüber, dass die Raketengeschosse auf Israel eingestellt werden. Vielleicht begreifen die Palästinenser endlich die Ausweglosigkeit ihrer militärischen Lösungen.

5. Hisbollah ist stärker als Hamas und Israelis können nicht alles (vollständige Vernichtung der Hisbollah) erreichen, was sie mit ihrem Angriff anstreben. Es scheint so, dass die israelische Armee nach ihrer zweiwöchigen intensiven Raketen- und Luftangriffen ihre militärischen Ziele eingeschränkt hat. Nach der schnellen Vernichtung der militärischen sowie wirtschaftlichen und sozialen Infrastruktur der Hisbollah sind die Voraussetzungen für eine diplomatische Lösung und die Entsendung von internationalen Truppen nach Südlibanon geschaffen. Die wichtigen westlichen Regierungen zeigen, dass sie Israel in dieser Richtung für einige Zeit ogar freie Hand gewähren. In der unmoralischen Welt der internationalen Politik steigen mit der Zahl der zivilen Opfer auch die Erfolgschancen der Diplomatie.

6. Ein unerwartetes Ergebnis des Krieges in Libanon ist das Erwachen von den Regierenden in den arabischen Ländern, sodass sie sich als fernes Angriffsziel des Zangenangriffes auf Israel ansehen. Das Problem ist nicht das Aufkommen eines „schiitischen Halbmondes“ von Iran und Irak über südlichem Saudi Arabien bis Libanon und Syrien, wo Alleviten regieren, sondern der Aufstieg Irans als eine regionale Supermacht. Arabische Regierungen haben im Befehl Teherans an Hisbollah, mit dem Krieg in Libanon zu beginnen, das unverkennbare Anzeichen der zukünftigen Prozesse gesehen. Ab diesem Zeitpunkt werden Iraner sein, die die Tagesordnung der Araber bestimmen. Sie werden zu den Helden der arabischen Massen werden. Die arabischen Regierungen können mühelos dieses Szenario an jeder Wand ablesen.


Scheich Nasrallah

7. Die menschliche Tragödie des Krieges (Hunderte von toten Zivilisten, halbe Million Flüchtlinge, Zerstörung von Infrastruktur des Landes, was Libanesen in letzen 10 Jahren aufgebaut haben etc.) ist längst überschritten. Die israelische Luftwaffe macht gar keinen Unterschied zwischen den militärischen und zivilen Zielen und zerstört auch die Wohngebieten. Auch wenn die Israelis Hisbollah dafür verantwortlich machen, trägt Israel die Verantwortung für diese rücksichtlosen Angriffe auf Städte.

Aber zwei Tatsachen darf man nicht vergessen:
● Die Hauptverantwortlichen für alles, was eingetreten ist, sind die islamische Republik, die eiskalt einen ganzen Krieg in einem anderen Land anzettelt, und die Hisbollah, die ohne jede Verantwortung die Sicherheit und den Frieden von 4 Mio. Libanesen gefährdet.
● Das Schicksal Libanons bleibt das gleiche wie in den letzten dreißig Jahren – Bürgerkrieg, Besetzung und fremde Einmischung –, solange die Libanesen sich nicht als Libanesen – statt Schiiten, Sunniten und Drusen – definieren, und solange das Schicksal Libanons in Syrien und Iran bestimmt wird, was die ständige militärische Drohung Israels provoziert. Vor dreißig Jahren waren die Palästinenser, die Libanon zum Kriegsherd zwischen Israel und Palästinensern gemacht haben; heute spielt die Hisbollah die gleiche Rolle. Der damalige Krieg führte zur Besetzung Libanons durch syrische Armee, was man als eine der schlimmsten Katastrophen für ein Land bezeichnen kann. Diesmal kann man hoffen, dass die Vereinigten Nationen – eigentlich die europäischen Staaten – zur Hilfe eilen und eine Pufferzone in Südlibanon unter ihre Kontrolle bringen. Das Schicksal Libanons scheint ohne jegliche Besatzung gar nicht gehen.

8. Der Krieg in Libanon ist eigentlich der Krieg zwischen der islamischen Republik und den USA und bis jetzt sind die Mullahs die Verlierer. Hunderte von Millionen von Dollars Investitionen in den von Hisbollah kontrollierten Gebieten wurden durch israelische Bomben vernichtet. Es ist in weite Ferne gerückt, dass die Hisbollah wie bisher alle Freiheiten in Libanon genießen wird. Die permanente Drohung Israels durch die Raketen aus Südlibanon zeigte ihre Unwirksamkeit. Mehr als 2000 Raketen in den ersten 10 Tagen haben zu keinem großen Verlust auf der israelischen Seite geführt. Die Kluft zwischen Schiiten und Sunniten wurde größer. In Libanon ist der Wille zum Hinauswerfen von Syrien und Iran aus der libanesischen Politik stärker geworden. Und trotz aller Aufrufe der fortschrittlichen Kreise im Westen und der Straßenproteste in der arabischen Welt wird der reale Weltkonflikt zwischen Kräften des islamischen Terrors auf der einen Seite und den Kräften der liberalen Demokratie auf der anderen Seite – wenn auch manchmal gewaltsam – zunehmend sichtbarer. Auf dieser Seite ist die Perspektive nicht nur humanistisch und freiheitlich, aber auf der anderen Seite ist alles Barbarei, Gewalt und Vergangenheitsorientierung.

9. Jetzt stellt sich aber die eigentliche Frage: In wieweit wird nach der Niederlage der Überfälle in Südlibanon und Gazastreifen sowie der Unwirksamkeit der Raketenangriffe des islamischen Regimes auf Israel die Versuchung eines Angriffs gegen Iran stärker werden?



Newsletter – Nr. 4 August 2006
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